Was Elon Musk & Osama Bin Laden gemein haben
Spoiler: Der Bart ist es nicht. It's the narrative, stupid.
Ganz egal ob man die Online Kommunikation von religiösen oder von politischen Extremisten analysiert - man wird immer wieder das gleiche Muster vorfinden:
Ein übergeordnetes, zentrales Narrativ, das sämtliche Wahrnehmungsebenen tangiert und dabei hilft, eigentlich komplexe Sachverhalte erklären und einordnen zu können. Dieses zentrale Narrativ geht mit einer Reihe von Sub-Annahmen einher, sie stützen das Narrativ und verstärken es, indem sie durch Ereignisse in der Außenwelt bestätigt werden.
Man kann sich das Ganze auch bildlich vorstellen. Das zentrale Narrativ ist das Dach. Damit verbundene Sub-Annahmen sind (noch) unfertige Trägersäulen, deren Struktur (Schalung) zwar steht, die aber noch auf die Betonmischung warten. Zur Erhöhung des Festigungsgrades werden Eisenstangen als Bewehrung verwendet, sie dienen als notwendiger, zusätzlicher Schutz vor Zerfall.
Je mehr Säulen, umso stabiler das Dach und je mehr Betonfüllung mittels Ereignissen, die - im Sinne des Daches - auf eine bestimmte Art interpretiert werden, umso verschlossener das ganze Haus gegenüber (unerwünschten) Einflüssen von außen. Diese werden dann als bedrohlich markiert. Quasi die konkurrierende Baufirma, die für alles Unheil verantwortlich ist. Sie bekommen die staatlichen Aufträge und haben sonst noch überall die Finger im Spiel - ein übermächtiger Gegner.
Unterm Strich ist diese Feindbildpostulierung nicht nur aus gruppendynamischer Sicht notwendig, weil sie die Existenz des eigenen Hauses legitimiert, sondern auch deshalb, weil sie die Bewohner des Hauses in ständiger Angst leben lässt und sie damit mobilisierbar(er) macht gegen einen Feind, der so mächtig ist, dass er nur im Kollektiv und mit einer "harten Hand" zu bezwingen ist.
Brechen wir das runter:
Für Rechtsextreme und Konsorten ist das Narrativ des "korrupten & reformierbedürftigen Systems" jenes Dach, was für IS-Propagandisten stets der "dekadente, heuchlerische Westen" war.
Warum aber funktionieren diese Dach-Narrative? Sub-Annahmen brauchen doch auch Input von außen, um gefestigt zu werden?!
Sie funktionieren, weil sie
wie jede gute Verschwörungstheorie, einen Teil der Wahrheit bergen und
in einem "window of opportunity" präsentiert werden.
In Zeiten also, in denen Menschen von nationalen/politischen/privaten Krisen geplagt sind, liefern solche Narrative erste Anhaltspunkte für den Verursacher, den Schuldigen hinter diesen Krisen, hinter der eigenen Misere.
Gehen wir das Beispiel weiter durch:
Das Feindbild für Elon und seinen Freund im Oval office ist zweifelsfrei "the (woke) left", sie sind die konkurrierende Baufirma, die die Finger überall im Spiel hat. Sie dominieren "the legacy media" - eine der wichtigen Säulen für das Haus. Sub-Annahme: Korrupte Medien, die eine linksextreme Agenda haben. Jetzt kommen auch unsere Eisenstangen ins Spiel - jene Komponente, die zusätzliche Stabilität verschafft und wie ein extra Schutzschild wirkt. Über sie funktioniert die Selbstimmunisierung des Dach-Narrativs samt seinen Trägern - ein Selbstläufer. "legacy media" sei nur Propaganda, dahinter stecken teils zahlungskräftige Akteure wie George Soros, democrats, Linke (aktuell: USAID). Es seien demnach keine echten, sondern gekaufte Meinungen. Alles was von "legacy media" kommt, stammt dieser Logik nach also von einer "verschmutzten Quelle" und hat das Ziel, das eigene Haus zum Einsturz zu bringen. Anders gesagt, hinter "legacy media" steckt die berüchtigte konkurrierende Baufirma.
Die Linken hätten auch Einfluss auf die Justiz und haben ihre "activists" als Richter installiert. Sub-Annahme: Unterwanderte, reformierbedürftige Justiz. Die Selbstimmunisierung funktioniert auch hier wieder eigenständig. Die Justiz sei unterwandert. Es seien keine echten, neutralen Richter, sondern von Linken installierte "activists". Ihre Urteile seien befangen und dienen nur dem Angriff auf unser Haus.
In dieser Manier werden in der digitalen Kommunikation von Elon Musik sämtliche Annahmen gebetsmühlenartig wiederholt. Dabei werden immer dieselben Keywords verwendet, die mit einer Wertung kombiniert werden und sich so in den Köpfen manifestieren: "radical leftists", "legacy media", "activist judges". Die Kombinationen funktionieren ohne jegliches Zutun - sie bestätigen die Kernthese, stützen das Dach, das zentrale Narrativ: Das System ist korrupt und muss reformiert werden.
Die Richter wehren sich gegen diese Vorwürfe? Natürlich, sie sind ja Teil des korrupten Systems. MedienvertreterInnen pochen auf Medien - und Pressefreiheit, stellen Trump & Musk kritische Fragen? Natürlich, sie sind Teil des korrupten Systems. Es gibt Widerstand gegen "DOGE" und massive Bedenken hinsichtlich der Privatsphäre von Millionen BürgerInnen? Natürlich, korruptes System, bezahlte Demonstrierende.
Den Köder schlucken
Jeder Input, egal von welche Ecke er kommen mag, es muss nicht einmal Kritik sein, wird von Musk und seinen HausbewohnerInnen automatisch als vom Feind stammend markiert und nicht weiter beachtet. Mehr noch, in dieser Logik ist schon die bloße Artikulierung von Kritik Indiz für die Ausgangsthese und bestätigt diese: Das System ist korrupt und es ist gegen uns.
Aber bedeutet das nicht, dass Propagandisten wie Musk dann genau diese Kritik brauchen, um ihr Dach-Narrativ weiterhin zu festigen? Ganz genau, die Betonmischung für die Säulen, die das zentrale Narrativ stützen, sind zugleich der Treibstoff, um das Rad der Alternativen Realität, die Musk für sich und seine AnhängerInnen aufgebaut hat, weiterlaufen zu lassen. Je heftiger die Reaktionen, je schärfer die Kritik, umso deutlicher der Beleg für das vermeintlich korrupte System.
Man erinnere sich an die "my heart goes out to you"-Geste. Zu der Zeit bin ich ganz bewusst in Telegramgruppen von Rechtsextremen und Neonazis unterwegs gewesen. Ich wollte wissen, wie sie das wahrnehmen. Es sollte wohl niemanden überraschen, dass darin die blanke Euphorie vorherrschte. Man hatte die Botschaft als das verstanden was sie war: Ein Hitlergruß. Die versteckte Botschaft von Elon war aber auch: Gemeinsam verschieben wir Grenzen des Sag - und Machbaren. Und so kam es wenig überraschend, dass diese Gruppen ihre User dazu aufriefen, online eine Debatte über das Verbotsgesetz anzustoßen und ein "Reframing" vom Hitlergruß vorzunehmen. Es sei doch ein Römergruß gewesen bevor die Nazis ihn verwendet hätten. Linke hätten es geschafft, den Hitlergruß verbieten zu lassen, so wie sie Sprech - und Redeverbote eingeführt hätten.
Es ist naiv zu glauben, dass Elon die scharfen medialen Reaktionen weltweit nicht erwartet hätte. Das Gegenteil ist der Fall: Er hat sie antizipiert und in weiterer Folge instrumentalisiert. Linke hätten nicht nur die Medien in den USA in der Hand sondern auch in Europa. Wahrlich, ein übermächtiger Feind, gegen den jedes Mittel recht ist. Musk nutzte die berechtigten Reaktionen europäischer und speziell deutscher Medien, um seinen Angriff auf Europa zu führen und rechtsextremen Parteien Wahlunterstützung zu leisten. So nannte er die AfD etwa die "letzte Hoffnung Deutschlands" und kündigte ein Interview mit AfD Chefin Alice Weidel an, erneut die Reaktionen antizipierend und instrumentalisierend - diesmal mit Ankündigung.
Elon's Hitlergruß war also kein "Fehler", kein "Hoppala" und schon gar keine Folge seiner autistischen Veranlagung. Vielmehr war er Teil einer ausgereiften Strategie für digitale Kommunikation. Eine, die sich einer Schein-Ambivalenz bedient, mit der er nicht nur verschiedene Zielgruppen anvisieren, sondern auch massiv Reichweite generieren kann, um am Ende wieder sein Dach-Narrativ bestätigt und seine Träger aufgefüllt zu sehen: Das System ist korrupt - "legacy media" ist von Linken unterwandert. Zu dieser Schlussfolgerung werden viele seiner LeserInnen kommen, denn sie glauben Elon. Für sie ist der Vorwurf also völlig aus der Luft gegriffen und lediglich Beleg für das, was Elon immer schon über diese Medien gesagt hat. Dadurch festigt sich seine Legitimität und Autorität.
Ähnliche Reaktionen stehen uns jetzt wieder bevor. In einem neueren Posting, zitiert Elon Trump: "He who saves his country does not violate any law". Als Politologe ist für mich klar, dass hier der Boden für einen massiven Eingriff in die Gewaltentrennung geebnet wird, ein erster Schritt in den Autoritarismus. Den Startschuss gab der Angriff auf einzelne Richter, Stichwort "activist judges" - jedoch mit Unterstützung der AmerikanerInnen, denn das Bild des übermächtigen Feindes ist bereits gefestigt, deshalb brauche es spezielle Maßnahmen - auch solche, die gegen jegliches Demokratieverständnis gehen.
Elons Retweet enthält aber noch einen anderen Kniff. Es wurde um 14 Minuten nach geposted und enthält genau 14 amerikanische Flaggen. Die Zahl 14 ist in den USA und mittlerweile auch in Europa das, was in unseren Breitengraden die Zahlen 18 und 88 sind - eine Referenz auf Adolf Hitler, meist genutzt von Neonazis. In den USA ist es bekannt unter dem Begriff "14 words" und steht für den Leitsatz der "überlegenen Arischen Rasse": "We must secure the existence of our people and a future for white children". Es ist kein Zufall, dass sich das an Elon Musks jüngsten Angriff gegen Südafrika reiht und seinem wiederholten Vorwurf, dass dort Weisse diskriminiert werden würden. Die Postingzeit und die Anzahl der Flaggen sind ebenso wenig ein Zufall. In der digitalen Kommunikation des reichsten Mannes dieser Welt gibt es keine Zufälle - nur vermeintliche (falsche) Ambivalenzen.
Erneut werden das Medien weltweit aufgreifen und erneut werden Musk's AnhängerInnen entsetzt sein über die "absurden" Vorwürfe, die am Ende des Tages nur das bestätigen, was sie ohnehin wussten. Nämlich, dass den Linken und ihren Medien wohl nichts zu blöd ist, um unser Haus zum Einstürzen zu bringen.
Und so schließt sich der Kreis erneut und das Rad der Alternativen Realität dreht weiter. So lange, bis alle Trägersäulen prall gefüllt sind, das Dach unerschütterlich ist und kein Funken Licht mehr ins Haus dringen kann.