AfD-Zuwachs, SPD-Verlust & die Lektion der Glaubwürdigkeit
Der gravierende Zuwachs der AfD ist – ebenso wenig wie der Verlust der SPD – keine Überraschung, sondern die Fortsetzung eines europäisch-transatlantischen Trends. Jeder fünfte wahlberechtigte Deutsche hat eine rechtsextreme Partei gewählt, die Kontakte ins Neonazi-Milieu hat. In Österreich war es fast jeder Dritte.
Interessante Beobachtungen liefern in diesen Wahlen aber die "Ränder":
Hier hat Die Linke hat einen beachtlichen Erfolg erzielt. Mit Blick auf die Wähler*innen zwischen 18 und 24 Jahren ist sie sogar Wahlsiegerin.
Neben der Tatsache, dass linke, solidarische Antworten auf soziale Fragen für diese Gruppe wohl am wichtigsten waren, fällt auf, dass junge Menschen Kompromisslosigkeit und klare Positionierungen schätzen (AfD 21 % / Linke 27 %). Gewiss spielt die unvergleichbare Präsenz der AfD und rechter Influencer online eine große Rolle, da sie genau wissen, wie sie ihre Inhalte an die entsprechenden Zielgruppen tragen – während andere Parteien hier leider nach wie vor schlafen. Dennoch zeigt sich: Das äußerste linke und das äußerste rechte Ende des Spektrums haben bei jungen Menschen jeweils mehr Zuspruch erhalten als die Parteien der sogenannten Mitte. So konnte die CDU durch das Kopieren rechter migrationsspezifischer Positionen keine AfD-Wähler*innen abgreifen, im Gegenteil: Sie hat Wähler*innen an die AfD verloren.
Darin liegt eine Lektion für jene Parteien, die ihre ursprünglichen Werte so weit verwässert haben, um – auf der Anti-Migrations-Welle reitend – Wähler*innen aus dem rechten Spektrum zu gewinnen. Es ist – wer hätte es gedacht – schädlich, nicht nur für die eigene Glaubwürdigkeit.
An dieser Stelle sei daran erinnert, dass nicht nur das BSW mit 5 % eine Abspaltung vom größten Verlierer der Wahl, der SPD, ist, sondern auch die Linke mit fast 9 %. Sie entstand 2007 aus der SPD-Abspaltung WASG und der Linkspartei PDS. Die SPD ist also das Paradebeispiel für dieses gescheiterte Experiment, das viele Parteien in unterschiedlichem Ausmaß ausprobiert haben.
Unterm Strich kann man also empirisch fundiert sagen, dass sich das Aufweichen von Positionen und das Bewegen Richtung Mitte und weiter nach rechts für die SPD nicht nur nicht ausgezahlt hat, sondern „the nail in the coffin“ war.
Glaubwürdigkeit, Authentizität und klare Positionierung – das scheinen jene Faktoren zu sein, die für diese Generation und damit auch für zukünftige Wahlen relevant sein werden. Das ist umso wichtiger, wenn man bedenkt, dass junge Menschen durch ihr Smartphone 24/7 Zugriff auf (ungefilterte) Nachrichten und Inhalte aus aller Welt haben. Dadurch steigt das Attraktionspotenzial jener Parteien, die in dieser krisengeplagten Welt klare Worte finden und Orientierung bieten – idealerweise ohne, dass am Ende „die Ausländer sind schuld“ dabei herauskommt. Einfacher ausgedrückt: Am linken Ende des Spektrums gibt es noch Potenzial – vor allem in Zeiten wie diesen.